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Marvin Kren und Benjamin Hessler über das Genre

Warum brauchen wir Zombies? Oder genauer: Warum sind wir so vernarrt in Zombiefilme und so heiß darauf, endlich einmal selbst einen zu machen? Auf diese Frage zunächst zwei ganz persönliche Antworten:

Als ich etwa sieben Jahre alt war, habe ich eines Nachts alleine in der elternfreien Wohnung George A. Romeros “Night of the Living Dead” im Fernsehen gesehen. Trotz des großen Unheils, das sich hier vor meinen Kinderaugen abspielte und der unglaublichen Angst, die sich in meinem gesamten kleinen Körper breitmachte, konnte ich den Fernseher nicht abschalten. Zu groß war der Nervenkitzel und die Faszination an diesen in monochromer Farbgebung in Horden wandelnden und stöhnenden Ungeheuern in Menschengestalt. (Marvin Kren)

Ich habe keine bewusste Erinnerung mehr an den ersten Zombiefilm, den ich gesehen habe; wahrscheinlich hat mein kindliches Gehirn sie in den tiefsten Traumakeller des Unbewussten gesperrt. Dort sitzt sie nun und gibt beharrlich Klopfzeichen, so dass ich heute noch jede neue Wohnung zuerst danach beurteile, wie gut sie sich im Ernstfall gegen die Zombie‐Armeen befestigen lässt. Als Autor wünsche ich mir daher nichts sehnlicher, als die im Laufe der Jahre gesammelte diesbezügliche Expertise im Rahmen eines Zombiefilms zum Einsatz zubringen... (Benjamin Hessler)

Unser persönlicher Grund lautet also mit einem Satz: Wir schulden es denen, die wir vor zwanzig Jahren waren. Und um den beiden gerecht zu werden, möchten wir hier kurz definieren, was wir meinen, wenn wir vom Zombie‐Genre sprechen.

Wir denken nicht an die expliziten Gewaltdarstellungen. Close‐Ups von erschossenen, zerstampften oder gespaltenen Schädeln fesseln uns eigentlich weniger und machen für uns keinen guten Zombiefilm aus. Ein weitverbreiteter Irrglaube besteht darin, dass die heraushängenden Darmschnüre das wesentliche Merkmal des Zombie‐Genres sind. Ist George A. Romeros Underground‐Klassiker zwar wegweisend, steht seine Brutalität dennoch in keinem Verhältnis zu den Gewaltdarstellungen seiner Epigonen aus den 70ern und 80ern, die sich in der Darstellung brutaler und blutiger Inhalte gegenseitig zu übertreffen versuchten. Das Zombiegenre bot dem Gore‐und Splatterfilm eine ideale Bühne und wird deswegen irrtümlich mit ihm verwechselt. Aber das Wesen des Zombiefilms in unserem Sinne ist ein Anderes. Es ist die Vorstellung, dass wir selbst unsere größten Feinde sind, die das Schreckliche und damit den Reiz des Genres ausmachen. Wir verstehen die hirntoten Halbwesen in Menschengestalt als sehr direkte, aber umso wirksamere Metapher für die hausgemachten Gefahren unserer Gesellschaft; das fasziniert uns als Filmemacher ebenso wie als Mitglieder dieser Gesellschaft.

Es geht uns um die fleischgewordene, irrationale Angst vor uns selbst. Die Angst, Opfer zu werden. Opfer der Wirtschaftskrise, eines kulturellen und sozialen Umbruchs multipliziert mit sozialen Unruhen und getragen von einer menschenvernichtenden Seuche. Alles weltumspannend: Die Omen häufen sich. Das System wird sich selbst zerstören und das Endprodukt dieser Entwicklung ist der Verlust unserer Kontrolle. Die täglichen Nachrichten von Terrorismus, Kriegen, Naturkatastrophen, wöchentlich neu auftretenden Virusausbrüchen und sozialen Unruhen scheinen keinen anderen Schluss zuzulassen und zulassen zu wollen:
Der Untergang steht kurz bevor. Und wir alle, Brüder und Schwestern des apokalyptischen Nervenkitzels, haben im Zombiefilm die Möglichkeit, uns diesen Ängsten in sublimierter Form zu stellen. Egal wie schrecklich und realistisch die Geschichte auf uns wirkt, der unbestreitbar fiktionale Charakter des Gesehenen kann uns niemals gefährden. Zombies sind etwas frei Erfundenes, ganz im Gegensatz zu Tsunamis, 9/11, der Schweinegrippe oder Heidi Klum. Das Zombiegenre in diesem Sinn ist als Reaktion auf gesellschaftliche Untergangsstimmung zu verstehen, und dementsprechend zahlreich und profiliert sind die Zombiefilme der heutigen Zeit. Aus einer kaum überschaubaren Vielzahl von Filmen, die man getrost als Trash bezeichnen kann, ohne sie damit zu beleidigen, stechen gerade in den letzten Monaten viele hochkarätige Projekte heraus: In Cannes wurde letztes Jahr beispielsweise “Colin” ausgezeichnet, ein Low‐Low‐Budget‐Film, der die Apokalypse aus der Sicht eines kurz vor der Verwandlung stehenden Zombies erzählt. In England brach zu Halloween 2008 die TV‐Miniserie “Dead Set” Zuschauerrekorde und begeisterte die Kritiker. Der spanische Film “REC” löste durch seinen besonders stringenten Spannungsaufbau eine kleine Sensation im Horrorgenre aus und wurde prompt als “Quarantine” zum US‐Remake. Auch der notorische George A. Romero arbeitet bereits an seinem sechsten “...Of The Dead”‐Film, der dieses Mal auch genau so heißt. Und James‐Bond‐Regisseur Marc Forster inszeniert demnächst mit der Verfilmung des literarischen Zombie‐Bestsellers “World War Z” von Max Brooks eine Hollywood‐Großproduktion mit Brad Pitt. Nur der deutsche bzw. österreichische Zombiefilm lies bisher noch auf sich warten...

MARVIN KREN UND BENJAMNIN HESSLER ÜBER DIE "ZOMBIES" IN RAMMBOCK

Stolperten die ersten Zombies in der Filmgeschichte noch mit ausgestreckten Armen vor sich hin, wurden sie zu Beginn dieses Jahrtausends modernisiert. Mit “28 Days Later” waren sie auf einmal schneller, gemeiner und auch klüger und im medizinischen Sinne manches mal auch keine Untoten mehr. Die Filmemacher gestalteten ihre ganz eigene und persönliche Version: „Pimp up your Zombie!“ heißt das Motto, dem auch wir uns verschrieben haben. Zombies sind eben keine markanten Einzelcharaktere, wie Dracula, Frankenstein, Dr. Jekyll und Mr. Hyde oder Freddy Krüger. Zombies sind den Menschen von den genannten anderen Ungeheuern am nächsten. Ob Frau, Mann oder Kind ‐ Ein Zombie kann jeder werden, sie sind demokratische Monster. Das macht ihr Wesen aus, nicht die eine oder andere konkrete Ausgestaltung, so dass wir als Filmemacher frei sind, sie nach unseren Bedürfnissen zu konzipieren.

Für Rammbock interessierten uns nicht die traditionellen, herkömmlichen und gedärmeverschlingenden Untoten. Unsere Menschenmonster sind ein wildes Potpourri aus Assoziationen der Dinge, die uns umgeben. Sie sind geprägt von der fühlbaren und allgegenwärtigen “Angst vor der Angst”, der existenziellen Panik, die in der Luft liegt. Es handelt sich bei unseren Zombies nicht um klassische Untote, die auf der Suche nach Menschenfleisch sind, sondern um sogenannte “Wütende” oder “Paniker”, ausgelöst durch einen Virus, der das Nervensystem der Menschen attackiert, seine höheren Gehirnfunktionen zerstört und sie zu Triebwesen macht, deren einziges Ziel die Verbreitung ihrer Art über physische Kontaktaufnahme ist. Das erste Symptom der Infektion besteht in extremer Reizbarkeit – es braucht dann nicht viel, um einen Wutanfall auszulösen, und genau das “will” die Krankheit, denn das bei diesen emotionalen Ausbrüchen freigesetzte Adrenalin ist es, das den Virus im Gehirn verbreitet. Wenn es dort sein zerstörerisches Werk vollendet hat, brechen die Betroffenen kurz zusammen und vollenden ihre Metamorphose – die Persönlichkeit des Infizierten erlischt, sein Äußeres verändert sich und er verliert die Fähigkeit, Schmerz zu empfinden.

DER SPIELORT HINTERHOF

Von Gabis belagerter Wohnung aus hat Michael Kontakt mit den Bewohnern auf der anderen Hofmauerseite, die ebenfalls in ihren Wohnungen ausharren – eine klassische „Fenster zum Hof“‐Situation entsteht. Michael ist zwar nicht wie James Stewart an den Rollstuhl gefesselt, aber genau so eingesperrt und eingeschränkt in seiner Perspektive. Der Blick aus den beiden Fenstern ist die einzige Aussicht auf die Welt, die ihm noch bleibt. Was er dort sieht, sind eine Fülle von kleinen Geschichten, die ihm bzw. uns auf unterschiedliche Arten das menschlichen Verhalten in schweren Zeiten vorführen – ein Verhaltenskatalog in Extremsituationen, wenn man so will. Seiner Natur enstsprechend wird Michael versuchen, die kleine Schicksalsgemeinschaft zu einer echten zusammenzuschmieden – mit durchwachsenem Erfolg.



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